„HEEE ?!“

Im Taxi von Bint Jbeil nach Tyrus

 

“Zigarette?” brüllt mich der Taxifahrer an. Er ist klein und Mitte

Vierzig. Vielleicht auch erst Mitte Dreißig. Hier sehen alle älter

aus, als sie sind.

Die Zigarette ist der Auftakt zu den üblichen Fragen –

“aus wessen Haus stammst du?”, “wo lebst du?”,

“was arbeitest du?”, “wann bist du hier angekommen?”,

“verheiratet?”, “Kinder?”. Bint Jbeil gilt als Hochburg der

Hizbollah und vielleicht eruiert er die Lage für die Partei.

Aber weit wahrscheinlicher ist, dass er es für sich tut.

 

Denn - jeder verhört im Nahen Osten jeden. Der Bäcker verhört den Schwager des Gemüsemannes und der den Bruder des Bäckers. So weiß jeder über jeden Bescheid, und wie sie soviel gesellschaftlichen Dauerdruck ohne Amoklauf aushalten, weiß ich wiederum nicht. Mein Gemüt ist jedenfalls weniger strapazierfähig und um mich in diesem Big-Brother-Orbit bei Laune zu halten, variiere ich meine Lebensgeschichten mitunter stark. Solange man sich nicht zweimal begegnet – bzw. man sich dann noch erinnert, mit wem man wann wo wie viele Kinder gezeugt hat – funktioniert das ganz gut.

 

Wir fahren von Bint Jbeil nach Tyrus.

 

“Libanons Süden ist wirklich schön”, sage ich und meine es angesichts der grünen Hügelwellen. Außerdem will ich das Thema wechseln.

“Warum sagst du das?” brüllt er. “Gibt es etwa keine Berge da, wo du wohnst? HE? HEEE?!”

 

O.k. – Nervnummer zwei: Araber können, glaube ich, nicht in normaler Lautstärke reden. Und der hier schon einmal gar nicht.

 

“Der ganze Süden ist nur Kriiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiieeeg”, schreit er.

 

Eigentlich wollte ich nur ein unverfängliches Gespräch.

 

Und bloß nicht die Rechtfertigungs-Leier: Ja, sorry, ich komme

aus Deutschland.

Ja, sorry, das ist das Land, das sich seit dem von ihm

verübten Holocaust mit Israel solidarisiert.

Und nur mit Israel. Ja, sorry, die Bundeskanzlerin

hat es gesagt: Deutschlands Soldaten sind nach dem 34-Tage-Krieg 2006,

in dem Israel den halben Libanon platt gebombt hat, eben dorthin gegangen, um – “Israel zu verteidigen“.

 

Fein gemacht, Angela! Hat sich bis zum hintersten libanesischen Trümmerhaufen rumgesprochen. Beim nächsten Taxifahrer komme ich aus Frankreich. Na, obwohl: Sarkozy. 

 

Er deutet auf die Berge. “Da oben liegt ein Christendorf. Meine Nichte ging bis zum 34-Tage-Krieg in die Christenschule dort. Was sagst du dazu? Etwa, dass die Landschaft schön ist? HEEE?”

Ich sage nichts und er schreit lauter: “Gute Schule. Gefiel ihr.”

“Ja - und ?! Hat sie gewechselt?”

“Sie ist tooot”. “Sie, mein Bruder und seine anderen sechs Kinder.”

 

Kurz vor Tyrus spricht er wieder.

Nicht mit mir, sondern in sein Handy.

 

“Du quälst und belügst mich. Versprichst mir das eine und machst das andere. Glaubst du, ich halte das noch lange aus?!”

Dann redet sie eine Weile. Zumindest nehme ich an, dass es eine “sie” ist.

Fast kleinlaut fragt er letztlich: “Bleibt es bei unserer Verabredung?” Auf ihre Antwort folgt ein zärtliches: “Gott schütze dich”.

Woaw, der kann ja beinahe nett sein.

 

“Ich will dich was fragen”, schnauzt er wieder in meine Richtung los. “Wie ist das mit den Frauen im Westen?”

Oh neeeeee.

“Lügen die auch soviel, HE? HEEE?!”

 

Mit der Frage hatte ich nicht gerechnet.

 

“Ich will dir was sagen: da ist eine Frau im Dorf, die ich seit vier Jahren liebe. Ich will sie heiraten

und sie ist wohlgemerkt nicht mehr die Jüngste. Schon 33. Aber ihr Vater will sie mir nicht geben.

Gut, er ist ein freier Mann. Aber ihr Verhalten ist das Letzte, oder? Täglich verspricht sie mir, zu

mir zu kommen und dann bleibt sie doch bei ihm. Ist das etwa anständig? Machen das die Frauen

im Westen auch so? Ja? Oder nein?”

 

Da sitzt er nun. Ein Mann, der auf den löchrigen Straßen zwischen Bint Jbeil und Tyrus seinen Lebensunterhalt verdient. Mit einem versifften Schrottkarren. Umgeben von Trostlosigkeit pur. Und trotz allem – und im Unterschied zu vielen seiner oft eklig schmierigen Landsmänner - “Frauen aus dem Westen” nicht in der Hoffnung auf ein Visum anbaggert.

 

Einer, der schon viel Liebe verlor. Aber bereit ist, weiter zu lieben, auch wenn das mit seiner Angebeteten wenig vielversprechend erscheint.

 

“JA ODER NEIN?!”

“Manche ja, manche nein.”

“Sie gehen also nicht vor Gericht, um sich ihre Freiheit zu erkämpfen?!”

Wie er nun auf die Idee kommt.

“Keine Ahnung, aber grundsätzlich will doch keiner auf ewig mit seiner Familie brechen.”

 

Für die restliche Viertelstunde bis zur Einfahrt in den Busbahnhof von Tyrus schweigt er. Dann zeigt er auf den Microbus, mit dem es weiter nach Beirut geht und verschwindet.

 

Eine halbe Stunde später sitze ich immer noch in dem stickigen Ding, eingepfercht zwischen Hinzugestiegenen. Alle warten darauf, dass sich noch die restlichen drei Plätze füllen und es endlich losgeht. Plötzlich kreuzt er wieder auf und deutet mit dem Finger auf mich. “Pass auf, dass die gut nach Beirut kommt”, brüllt er den Busfahrer an und zischt ab.

 

Heeeeeeeeeey.

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

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