Doppelt und dreifach eingekeilt

Ein Interview mit Sumaya Farhat-Naser über Palästinas Christen

 

 

Frau Farhat-Naser, wieviele Christen leben noch in Palästina?

 

Ihr Anteil in Palästina beträgt 6,5 Prozent, nimmt man Palästina und Israel zusammen stellen sie 2,5 Prozent, insgesamt sind es rund 170.000, von denen 70 – 80.000 in den besetzten Gebieten leben.

Die erste Immigrationswelle war 1948, als rund 35 Prozent von den Israelis vertrieben worden sind. In den letzten 40 Jahren verliess noch einmal ein Viertel der Christen das Land, weil sie dort nicht überleben können. Man muss bedenken, dass sie sich seit Jahrhunderten im Raum Jerusalem und Bethlehem konzentrieren, zwei Städte, die nur zehn Kilometer voneinander entfernt sind. Durch die Mauer sind sie nun aber getrennt, so dass es Menschen, die in Bethlehem leben, ihre Arbeitsplätze in Jerusalem verlieren und umgekehrt. Dies zwingt viele zur Auswanderung.

Hinzukommt die niedrige Geburtenrate von nur zwei Prozent, die verschiedene Ursachen hat. Zum einen ist das Bildungsniveau unter Christen hoch, zum anderen verfügen sie nur über wenige Hilfsnetze, die ihnen im Armutsfall beistehen - im Gegensatz zur muslimischen Gesellschaft, in der Kinder traditionell als Altersversorgung angesehen werden, und die zudem über die Einrichtung “Waqf” verfügt, die sehr gut vernetzte soziale Dienstleistungen ermöglicht. Es ist ja im Islam verankert, dass man jährlich einen Geldbetrag nicht nur für die Bedürftigen, sondern auch für Soziales entrichtet.

Schliesslich haben Muslime auch mehr Arbeitschancen etwa in den Golfstaaten als Christen, weil unverschleierte Frauen dort ungerne gesehen werden. Infolge sind palästinensische Christen, die in westlichen, zu hundert Prozent von ausländischen Kirchen finanzierten Schulen erzogen werden, mehr auf Europa ausgerichtet. Studieren dort erst einmal studieren, verlieren sie aufgrund militärischer Verordnungen oft ihr Recht, nach Palästina zurückzukehren. Heiraten sie obendrein einen Ausländer, wird es immer problematischer, da die Israelis diesem keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung erteilen. Diese Gesetze gelten natürlich auch für die Muslime. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass doppelt so viele Christen das Land verlassen wie geboren werden.

 

Welchen Stand haben die Christen bei den Muslimen in Palästina?

 

Da uns das gleiche Leid verbindet, wird generell darauf geachtet, dass überall Christen vertreten sind – von den Universitäten bis zum kleinsten Gremium.

 

Gilt dies auch für die Muslime, die vielfach als “radikal-islamistisch” bezeichnet werden?

 

Falls Sie Hamas meinen: Gerade sie, weil sie so religiös ist, nimmt den Schutz der Christen ernst. Das gilt für die 1500, die im Gaza leben und grosses Ansehen geniessen, ebenso wie für die im Westjordanland. Folgenden Vorfall werde ich nie vergessen: Aufgrund des extremen psychologischen Druckes geraten Palästinenser immer wieder aneinander, oft genügen Auffahrunfälle und dergleichen. Einmal war es wieder soweit und zufällig handelte es sich um Muslime und Christen. Der Streit eskalierte und infolge suchten einige Muslime, Kirchen anzünden. Hamas rückte damals mit einer Hundertschaft an, sorgte im Nu für Ordnung und bewachte einen Monat lang die Kirchen. Als Christin braucht man also ganz sicher keine Angst vor Hamas zu haben. Was mich jedoch an ihr stört, ist ihre soziale Agenda, etwa Frauen-, Erb-, und Kinderrechte. Hier gibt es aber Dialogmöglichkeiten.

Doch es gibt durchaus radikale muslimische Bewegungen, wie ‚Jihad Islami‘ oder ‚Tahrir‘, die meinen, Hamas befände sich auf dem Weg zum Verrat. Vor zehn Jahren existierten sie noch nicht, doch die Besatzungspolitik treibt ihre Formation an.

 

Nicht alle in Palästina und Israel lebende Christen sind Palästinenser. Es gibt mehrere Fraktionen, die sich aber gerade nicht mit den palästinensischen Christen solidarisieren – im Gegenteil.

 

In den letzten Jahren sind mehr als 1,5 Millionen aus den osteuropäischen Staaten und der ehemaligen Sowjetunion nach Israel eingewandert – darunter 400 bis 500.000 Menschen, die entweder Christen sind oder christliche, nicht jüdische Wurzeln haben. Sie kamen aus Opportunismus, da sie sich in Israel bessere wirtschaftliche Perspektiven ausmalten, taten dies aber im Rahmen der Aliya, da sie – oft käuflich erworbene – Nachweise erbrachten, einen jüdischen Hintergrund mit zu haben. Kaum hielten sie die israelischen Staatsangehörigkeit, beschlossen viele, doch nicht jüdisch sein zu wollen. Dies ist ein erhebliches internes Problem auch für Israel, denn immerhin stellen sie 30 bis 40 Prozent aller seit den Neunzigern Eingewanderten. Viele von ihnen lernen nicht einmal Hebräisch und so ist Russisch nahezu die zweite Landessprache. Da man sie nicht wieder ausweisen kann, versuchen jüdische religiös-nationale Gruppierungen sie zu judaisieren, obgleich das Judentum Missionieren untersagt.

 

Inwiefern ist diese Gruppe für palästinensische Christen gefährlich?

 

Es ist leicht, sie für eine politisch radikale Gangart zu gewinnen, die alle Araber aus Israel vertreiben will. Außenminister Avigdor Liebermann zählt dazu und viele seiner Anhänger stammen aus diesen Kreisen.

 

Die vielleicht noch grössere Gefahr sehen Sie aber in radikalen, vielfach aus den USA stammenden Evangelikalen.

 

Diese unglaublich fanatische Bewegung, der George W. Bush’s ‚Newborn Evangelicals‘  angehören, setzt uns seit 15 bis 20 Jahren zu. Auch sie sucht die osteuropäischen Christen zu missionieren - dahingehend, dass sie die Politik des Zionismus als Teil ihres christlichen Glaubens verstehen. Uns, die palästinensischen Christen, erkennen sie nicht als solche an.

Ihrer Ideologie zufolge verheisst das Alte Testament die Rückkehr der Juden nach Palästina nach Anbruch der Endzeit. Da der Staat Israel 1948 errichtet wurde, erfülle sich die Prophezeiung gerade – und damit stünde auch die Rückkehr von Jesu Christi bevor. Da er alle Juden zum Christentum missionieren werde, sei es der Christen Pflicht, die Juden in ihrer Ansiedlung in Palästina zu unterstützen und die Araber zu vertreiben. Neulich sagte mir einer von ihnen ins Gesicht: ‚Ihr solltet dankbar sein, wenn die Israelis Eure Häuser zerstören – es ist Gottes Wille.‘

Dieser an sich zutiefst anti-semitische Ansatz wird auf israelischer Seite hingenommen. Sowohl Kadima als auch Likud – die nicht einmal die radikalsten sind – respektieren sie, da sie Israels brutale Politik vehement fördern und viel Geld in die Finanzierung von Rückkehrern oder in den Siedlungsbau investieren.

Für uns bedeuten sie eine zusätzliche Front: nun müssen wir uns gegenüber den Muslimen rechtfertigen und ihnen erklären, dass wir mit diesen Fanatikern nichts zu tun haben und sie überdies nicht für Christen halten, da sie aus den Heiligen Texten nur das Böse herausinterpretieren.

 

Es hat sich in Palästina, genauer im Westjordanland einiges getan, das die Position der Christen stärkt – etwa die Einrichtung eines Ministeriums für religiöse Angelegenheiten.

 

Es ist vorrangig für islamische Angelegenheiten zuständig, hat aber einen jüdischen, einen christlichen und einen samaritanischen Vertreter. Von den Samaritanern gibt es weltweit weniger als 1850, 650 leben in Nablus - eine kleine traditionsbewusste Gruppe, die dem Judentum nahe steht. Dieses Ministerium hat eine islamisch-christliche Kommission ins Leben gerufen, die unter anderem das Kairos-Dokument der palästinensischen Christen im Land verteilt. Wir hoffen, dass die Regierung dieses Dokument als politisches Programm begreift.

 

Das von palästinensischen Christen gemeinsam im Dezember 2009 vorgelegte Kairos-Dokument legt unter anderem ihre Haltung zum Widerstand gegen Israel dar.

 

Ja, es ist ein Plädoyer für einen gewaltlosen Widerstand.

 

Wie fielen die Reaktionen auf muslimischer Seite aus?

 

Es ist keine rein christliche Position. Auch viele Muslime wollen den gewaltfreien Widerstand, können dies aber nicht so geschlossen äussern wie wir. Hamas etwa ist für den bewaffneten Widerstand. Sie schliesst die gewaltfreie Variante nicht aus, betont aber, dass das andere parallel laufen müsse - nicht zuletzt aus psychologischen Motiven, sowohl gegenüber Israel, als auch gegenüber den Palästinensern.

 

Stichwort Psychologie: Fürchten Sie nicht, dass wenn das beschränkte Waffenarsenal der Hamas aufgegeben wird, die Besatzung vollends triumphiert und die Palästinenser noch brutaler behandelt?

 

Das Kräfteverhältnis ist eindeutig: Israel hat alles, die anderen so gut wie nichts. Unser Argument setzt genau hier an: da wir ohnedies die Schwächeren sind - was nützen uns die paar Raketen dann überhaupt? Hätten die Palästinenser von Anfang an über ein gleichwertiges Arsenal verfügt, dann hätten wir Israel vielleicht davon abhalten können, mit uns das zu tun, was es bis dato tut. Doch unsere Geschichte von über sechzig Jahren verlief anders. Jahrzehntelang konnten wir nur auf Attentate setzen. Was hat es gebracht? Je mehr wir dies taten, desto besser verstand Israel es zu rechtfertigen, dass es noch härter zuschlägt, uns noch mehr aushungert, uns noch mehr Land raubt. Deshalb müssen wir bekennen: es war der falsche Weg. Wie schwer dies ist, beweisen die gewaltlosen Protestmärsche, die jeden Freitag in vielen Dörfern erfolgen, und die dennoch von den israelischen Soldaten beschossen werden.

Wenn Palästinas Christen aber für Gewaltfreiheit plädieren, dann in der Hoffnung, auf die Menschen in Israel einzuwirken und um der Welt zu zeigen, dass wir Israel einzig deshalb zum Feind haben, weil es um unsere Existenz geht.

 

 

 

 

 

 

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