Die Boykotteure boykottieren
Der israelische Journalist Gideon Levy in der Zeitung „Haaretz“ vom 16. Mai 2010

 

 

Die meisten Leute hier sind erschrocken über die Vorstellung, dass irgend jemand außerhalb Israels daran denkt, ihr Land zu boykottieren, Produkte oder Universitäten. Boykotts werden schließlich in Israel als illegitim angesehen. Jeder, der zu solch einem Schritt aufruft, wird als Antisemit und Israelhasser angesehen, der Israels Recht zu existieren, untergräbt. In Israel selbst werden jene, die zum Boykott aufrufen, als Verräter und Häretiker gebrandmarkt. Die Vorstellung, dass ein Boykott – und sei er noch so begrenzt – dafür da ist, Israel davon zu überzeugen, um seinetwillen seinen Weg zu ändern, wird hier nicht toleriert.

Selbst ein offensichtlich logischer Schritt –
wie der Boykottaufruf von Produkten aus jüdischen Siedlungen von der palästinensischen Behörde – wird von scheinheiligen israelischen Augen als provokativ angesehen. Während dem internationalen Boykott der Apartheid Südafrika der Sturz des Regimes zugeschrieben wird, wird er hier als irrelevant und eines Vergleiches nicht wert angesehen.

Man könnte sich mit diesen intoleranten Reaktionen identifizieren, gäbe es nicht die Tatsache, dass Israel selbst einer der produktivsten Boykotteure der Welt wäre. Nicht nur, dass es boykottiert, es predigt auch andern, ja zwingt andere, ihm zu folgen. Israel hat einen kulturellen, akademischen, politischen, wirtschaftlichen und militärischen Boykott über die besetzten Gebieten verhängt. Gleichzeitig
hat fast niemand hier etwas dagegen gesagt und die Legitimität dieser Boykotts hinterfragt. Doch der Gedanke den Boykotteur zu boykottieren? Das ist jetzt unvorstellbar.

Der brutalste, offenste Boykott ist natürlich die Belagerung des Gazastreifens und der Boykott der Hamas. Auf Geheiß Israels unterzeichneten fast alle westlichen Länder mit unerklärlicher Bereitwilligkeit den Boykott. Es ist nicht nur eine Belagerung, die Gaza seit drei Jahren in einem Zustand des Mangels lässt. Es ist auch nicht nur ein vollkommener ( und törichter) Boykott der Hamas – abgesehen von den Diskussionen über den entführten ***** Soldaten Gilat Shalit. Es ist eine Reihe von kulturellen, humanitären und wirtschaftlichen Boykotts. Israel bedroht fast jeden Diplomat, der Gaza zu betreten wünscht, der aus erster Hand den unerträglichen Anblick sehen möchte.

Zusätzlich versperrt Israel jedem den Zutritt, der humanitäre Hilfe leisten will. Wir sollten zur Kenntnis nehmen, dass der Boykott nicht nur gegen die Hamas ist, sondern gegen den ganzen Gazastreifen und alle die dort leben. Der Schiffskonvoi, der bald von Europa aufbrechen wird, um die Belagerung zu brechen versucht, wird Tausende Tonnen von Baumaterial, Fertighäuser und Medizin bringen. Israel hat angekündigt, dass es diese Schiffe zu stoppen
plant.

Ein Boykott ist ein Boykott.

 

Ärzten, Professoren, Künstlern, Intellektuellen, Wirtschaftlern und Ingenieuren – keinem von ihnen wird es erlaubt, den Gazastreifen zu betreten. Dies ist ein kompletter Boykott, der das Schild trägt “Made in Israel”. Diejenigen, die über unmoralische und unwirksame Boykotts reden, tun es, ohne mit der Wimper zu zucken, auch wenn man auf Gaza zu reden kommt.

Es ist auch Israel, das die Welt drängt, den Iran zu boykottieren. Aber es ist nicht nur Gaza und der Iran, die hier zur Debatte stehen, während der Zutritt nach Israel und in die Westbank von der wilden Aufregung eines Boykotts betroffen sind. Jeder, der verdächtigt
wird, die Palästinenser zu unterstützen oder Besorgnis um ihr Schicksal ausdrückt, wird boykottiert und ausgewiesen. Dies schließt einen Clown ein, der eine Konferenz organisieren wollte; einen Friedensaktivisten, der zu einem Symposium kommen wollte; und Wissenschaftler, Künstler und Intellektuelle, die Verdacht erregen, dass sie die palästinensische Sache unterstützen.

(Heute 16.5. wurde z.B. Noam Chomski nicht über die Allenbybrücke gelassen, da er in der Universität Birzeit einen Vortrag halten wollte).

Dies ist ein kultureller und akademischer Boykott in jeder Hinsicht, die Art von Boykott, die wir zurückweisen, wenn er gegen uns angewandt wird.

Doch die Anti-Boykott-Liste des Landes boykottierter Länder endet nicht da. Sogar eine jüdisch-amerikanische Organisation wie J-Street (Jüdische Straße), die sich selbst als pro-Israel definiert, hat den langen Arm des israelischen Boykotts zu spüren bekommen. Es ist erlaubt die J-Street zu boykottieren, weil sie für Frieden eintritt - aber wir können keinen Boykott von
Waren aus den Siedlungen tolerieren , die auf widerrechtlich angeeignetem Land produziert wurden. Einem Professor den Zutritt nach Gaza zu verwehren, um dort in einer Universität aufzutreten, wird nicht als Boykott angesehen, aber der Abbruch von Kontakten zu einem israelischen Institut, das besondere Programme für Armeeoffiziere und den Shin-Bet-Sicherheitsdienst entwickelt – Leute, die oft in aller Welt als Komplizen von Kriegsverbrechen angesehen werden - wird als verboten angesehen.

Ja, ein Israeli, der in Israel lebt, wird in Israel eine schwere Zeit haben, wenn er andern über die Tugenden eines Boykotts predigt, wenn diese Person nicht ihr eigenes Land oder ihre Universität
boykottiert. Aber es ist sein Recht zu glauben, dass ein Boykott seine Regierung zwingen könnte, die Besatzung zu beenden. So lange, wie die Israelis keinen Preis zahlen, wird es keine Veränderung geben.

Die ist eine legitime, moralische Position. Sie ist nicht weniger legitim oder moralisch als jene, die behaupten, dass ein Boykott ein unmoralisches, unwirksames Mittel ist, während man dieselbe Option gegenüber anderen praktiziert. Du bist also gegen einen Boykott gegen Israel? Dann wollen wir erst einmal all die Boykotte beenden, die wir anderen auferlegt haben.

(Übersetzung ins Deutsche: Ellen Rohlfs)

*****  Möglicherweise hat die für gewöhnlich hervorragende Ellen Rohlfs hier etwas übersehen. Möglicherweise hat es sogar der grossartige Gideon Levy getan.

In jedem Fall: Seit wann werden Berufssoldaten ENTFÜHRT?

Entführt werden Zivilisten und nur die. Und die Assoziation dabei: Wehrlose sind Überlegenen hilflos ausgeliefert.

Bei „entführt“ denkt man an kleine, minderjährige Mädchen in Kombination mit vergewaltigenden Psychopathen.

Bei „entführt“ denkt man an Zivilisten in irgendwelchen Dschungeln, in denen brutale, zu jeder Schandtat bereite Geldgierige lauern.

Aber Soldaten?! An Grenzen feindlicher Länder??! Himmel Herrgott nochmal: die werden GEFANGEN GENOMMEN!

 


 

 

 

 

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