Und was, wenn sie wirklich kommen?

Gedanken zur “Diktatur”

 

Joris Luyendijk (der Journalist, der seinen Job als Polit-Nahostkorrespondent für niederländische Medien letztlich schmiss) hat es auf den Punkt gebracht. In seinem wunderbaren Buch “Wie im echten Leben. Von Bildern und Lügen in Zeiten des Krieges” fragt er: Was heisst eigentlich: “Diktatur”?

 

Sicher.

“Man” führt den Begriff im Mund.

“Man” hat dunkle Bilder im Kopf.

Aber weiß “man”, der nicht unter einer Diktatur lebt, deshalb was Sache ist?

Luyendijk führt hierzu ein hübsches Beispiel an: sein Chefredakteur beauftragte ihn mit authentischen Berichterstattungen zum irakischen Alltag unter Saddam Hussein. Kaum war er dem nachgekommen, erhielt er von der Amsterdamer Buchhaltung die genervte Anfrage: “Wo bleiben die Quittungen über die Bestechungsgelder?”

 

Im Sommer 2010 luden „sie“ einen Bekannten von mir vor.

Nicht zum ersten Mal, aber diesmal geballt. Alle paar Tage.

Der Vorwurf? Keiner. Einfach so.

Was sie ihn fragten? Nun, unter anderem was wichtiger sei - das Individuum oder die Gesellschaft? (Letzteres natürlich!)

 

Das klingt harmlos, schlägt sich aber verdammt aufs Nervenkostüm nieder, wenn sich die Frage wiederholt (gleichgültig, was man antwortet). Wenn sich die Lautstärke und der Tenor, in denen sie gestellt wird, verschärfen. Wenn sich die Wartezeiten vor den dann und dann anberaumten Befragungen extrem in die Länge ziehen. Wenn es nach all dem Brimborium heißt: Komm morgen um die gleiche Zeit wieder.

 

Vermutlich wird Kafka in arabischen Ländern deshalb so gut verstanden.

 

Angst beginnt sich breitzumachen.

Aber darf man über sie sprechen?

Nein.

Also gibt man sich rational. Man besucht den Bekannten, den sie im Visier haben, täglich gemeinsam mit anderen Bekannten. Man diskutiert die an ihn gestellten Fragen und ihre mögliche Bedeutung. Versucht, Kafka Sinn einzubleuen. Zwischendurch stellt man dem Bekannten auch selbst Fragen: “Und, nimmst du einen Koffer mit?” oder “Lässt du dein Handy zuhause?” Es könnte ja sein, dass er vom Verhör nicht zurückkommt. Mehr fragt man nicht und wenn man fragt, dann so, als ob es sich um einen Strandausflug handelt: “Hast du auch das grosse Handtuch eingepackt?”

 

Dann, weil diese Sitzungen hinter heruntergelassenen Jalousien und unter viel Zigarettenqualm schon so lange dauern und er nachts nicht geschlafen hat, schläft der Bekannte auf dem Sofa ein. Aber keiner geht, man will ihn nicht alleine lassen. Man sitzt herum. Schweigt. Raucht. Bespricht sich kurz mit leiser Stimme. Guckt sich an, guckt ihn an, wie er da schläft, und schläft möglicherweise selbst ein.

 

Das kann über Wochen so gehen. Manchmal ebbt es ab, manchmal steigert es sich wieder.

So kann es passieren, dass man eines Morgens zu ihm geht und ihn plötzlich in neu erstandenen Winterstiefeln bei 40° C Außentemperatur sitzend vorfindet. Eine neue Entwicklung im letzten Verhör hätte sich angebahnt. Er warte nun darauf, dass sie ihn innerhalb der nächsten Stunden abholen. Sicher sei er sich zwar nicht, aber sicherheitshalber säße er seit vier Uhr morgens so da. In den Gefängnissen sei es doch so kalt.

 

All das ist Diktatur. Und Angst. Aber man spricht nicht darüber, spricht die möglichen Szenarien nicht durch. Man kann dies für sich tun, sagt ein anderer Bekannter - dies nehme die eigene Angst vor der Angst (sagt er. Ich habe es, aus welchen Gründen auch immer, noch nicht ausprobiert). Aber vor dem Betroffenen wird geschwiegen. Seinen Stolz anzukratzen, wäre schlimmer als alles andere.

 

In solchen Momenten wird einem auch klar, dass man zwar mehr über die Realität unter einer Diktatur weiß als Luyendijks Amsterdamer Buchhaltung (wozu ja nicht viel gehört).

Zugleich: Je länger man unter ihr lebt, desto mehr verwischen sich die Grenzen wieder. Man gewöhnt sich zwar gewisse Verhaltenscodes an, aber weil die schon so surreal genug sind, lullt man sich in ihnen ein und vergisst, dass das Surreale das Reale ist. Bis es in voller Montur wieder einmal anklopft.

 

 

 

 

 

 

 

 

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